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27.11.2007
ARI Berlin
 
Claudia
 
IAADH e V
 
Hans
 
Jens
 
Ruth
 
Simone
 

Eine Veränderung der gesellschaftlichen Bedingungen ist notwendig. Der Zustand der Welt ist absurd. Die Produktionsmöglichkeiten sind immens gestiegen, es wäre heute möglich, genug für alle zu produzieren auf der Welt, ohne miserable Arbeitsbedingungen und Zerstörung der Umwelt. Doch das ist nicht der Fall, keineswegs; die materiellen Möglichkeiten für einen Zustand von Frieden, Freiheit, Wohlstand für alle sind immer besser, wir leben jedoch in einer Welt geprägt von Ungleichheit, Unfreiheit, Unterdrückung, Kriegen, der Möglichkeit zum atomaren hundertfachen Overkill und katastrophaler Umweltzerstörung.

Geschichte geht nicht voran, und den Glauben habe ich verloren, aber nicht die Hoffnung. Im 17. und 18. Jahrhundert zeigte die Aufklärung die Chancen und Möglichkeiten einer friedlichen, vernünftigen, aufgeklärten Welt; das 20. Jhd. brachte den größten Massenmord der Geschichte durch die Deutschen. 1908 kämpften die Arbeiter in den Minen Boliviens erfolgreich um den Acht-Stunden-Tag; 2005 wird darüber geredet, die 44-Stunden-Woche wieder einzuführen, und der Widerstand dagegen ist fragmentarisch.

Wer über die Welt und ihre notwendige Veränderung redet, muß über die einzelnen Menschen reden. Die tatsächlichen Veränderungen der Welt verändern dabei den Menschen, und das vorerst nicht im Guten, wie das noch Marx glaubte. Die Zunahme von Ausbeutung, Unsicherheit und Unterdrückung, welche mit Kapitalismus - und insbesondere in dessen zyklischen Krisen - untrennbar verbunden sind, führen nicht automatisch zu einer Solidarität der Betroffenen. Vielmehr vernändern sich die Menschen in der Krise nicht automatisch zum Besseren, oft verschärft die Krise vielmehr die selbst ausgeübte Unterdrückung der von Unterdrückung betroffenen, aufgeklärtes Bewußtsein, die Sehnsucht selbst nach Selbstbestimmung, Frieden, Freiheit geht verloren.

Daraus folgen für mich verschiedene Dinge:

  • Die Kampflinien sind nicht diejenigen von oben gegen unten, egal wie man diese Begriffe konkret fasst, sondern der Kampf um ein besseres System zur Verwirklichung bestimmter Begriffe: Freiheit ist dabei das zentrale Wort, das vieles andere einschließt: Wohlstand für alle, sexuelle Freiheit, persönliche Freiheit, Rechtssicherheit, Meinungsfreiheit, Möglichkeit des Anders-Seins. Der Kampf hierfür ist ein idealistischer - oft gegen die Tendenz der materiellen Entwicklung.
  • Im Kampf um die geschilderte Einrichtung der Welt geht es immer darum, Freiheit zu bewahren und zu erkämpfen - oft auch gegen die von Unterdrückung selbst Betroffenen. Die Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft geht allgemein dahin, Freiheit zu untergraben - gleichzeitig in den Köpfen und Herzen der in ihr lebenden Menschen und in der gelebten Wirklichkeit. Die Freiheit ist jederzeit in Gefahr, unter dir Räder der Geschichte zu geraten, und zwar nicht nur in der Wirklichkeit, sondern als Idee.
  • Der Kampf um die Freiheit ist ein langfristiges Geschehen. Es geht immer um die Qualität der freiheitlichen Position. Hieran bestimmt sich auch die Möglichkeit, mit anderen Menschen an der gleichen Sache zu arbeiten. Um es konkret zu machen: ich halte es für eher möglich, mit einem liberalen FDPler zusammenzuarbeiten, als mit einem Kreuzberger Arbeitslosen mit Migrationshintergrund, der Homosexualität als unmoralisch disqualifiziert. Das hindert natürlich durchaus nicht daran, die Veränderung konkreter gesellschaftlicher Bedingungen zu fordern. Für den Schwarzen, der von Brandenburger Nazis zusammengeschlagen wird, ist die Ursache von deren Nazi-Position jedoch genauso irrelevant wie für den Juden, der in Kreuzberg beschimpft wird, die Ursache des Antisemitismus der Jugendbande mit Migrationshintergrund, die ihn beschimpft. Den konkreten Erscheinungsformen die Freiheit unterdrückenden Denkens ist entgegenzuarbeiten. Hier ist nicht mehr Verständnis gefordert, sondern Distanzierung und Widerstand.
  • Es geht um Freiheit, und ich weiß, daß die Freiheit nicht morgen erreicht werden kann. Ich bin lieber in einer Gruppe von fünf Leuten, denen ich vertraue und von denen ich weiß, daß sie die Freiheit genauso schätzen wie ich, als in einer Gruppe von 5 Millionen, die gegen Bush demonstrieren, israelfeindliche Sprechchöre grölen, die Tatsache permanenter Angriffe auf Juden in Berlin und Deutschland nur 50 Jahre nach der Shoa ignorieren und sich ansonsten, wenn nicht gerade Bush in der Stadt oder Krieg im Irak ist, nicht besonders durch die Solidarität mit von Unfreiheit betroffenen hervortun.

Jens